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Schweizer Küche

 
 
Wow - Wähen!

Die Wähe ist im besten Sinne Schweizer Fast Food: sie ist schnell und einfach gemacht, variantenreich und beliebt. Doch auch ein Blick über die Grenzen lohnt sich: Pizza, Flammkuchen und andere regionale Spezialitäten stehen der schweizerischen Nationalspeise in Sachen Vielseitigkeit in nichts nach.
 

 
     
 
     
 
     
 
     
 
Seiteninhalt
 
Die Wähe - ein Gedicht

Vom missratenen Gebäck zum Wähentag

Waie, Chueche, Flade, Tünne

Der Wähenteig - die Qual der Wahl

Italienische Schwester, elsässischer Cousin

Das neue Buch: «Wähen, Pizzas, Flammkuchen»

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 Die Wähe ist nicht nur uns Schweizerinnen und Schweizern ein Begriff. Auch in Südbaden und im Elsass versteht man darunter einen Blechkuchen.
Die Wähe - ein Gedicht

Die Wähe ist eine Klassikerin der Schweizer Küche. Schon unsere Vorfahrinnen zeigten sich erfinderisch, wenn es darum ging, am fleischlosen Freitag oder am Waschtag ein schmackhaftes, schnelles Menü auf den Tisch zu bringen. Ob der Blechkuchen aber tatsächlich in der Schweiz erfunden wurde, lässt sich nicht schlüssig beweisen. Fest steht laut dem Basler Volkskundler Albert Spycher lediglich, dass das Wort «Wähe» gegen Ende des 18. Jahrhunderts aus dem südelsässischen Sprachgebrauch in die Gegend von Basel kam.

Die Bezeichnung Wähe, «Waaie» oder «Waijhe» für einen flachen Kuchen mit niederem Rand und einem süssen bzw. pikanten Belag wird jedenfalls sowohl in der Schweiz als auch im Badischen und im Elsass verwendet. Der alemannische Mundartdichter Johann Peter Hebel (1760-1826), der in Basel und in Hausen im Wiesental (Kreis Lörrach) aufwuchs, hat das Gebäck in einem Gedicht verewigt:

Gang bring der arme Fischer-Lis
e Säckli Mehl, e Hemdli wyss, [...]
und sag, sie söll au zuenis cho
und Weihe hole, wenn i bach [...]


 Die Klassikerin ist natürlich die Apfelwähe. Aber man kann eigentlich aus fast allen Zutaten eine Wähe zubereiten - Fantasie vorausgesetzt.
Vom missratenen Gebäck zum Wähentag

Für den Gebäcknamen Wähe gibt es gemäss dem Basler Volkskundler Albert Spycher drei Herleitungen. Alle stammen aus dem Mittelhochdeutschen, das im Mittelalter (ca. 1050-1350) gesprochen wurde.
  • «waehe»: etwas Kunstvolles
  • «wîhen»: Gesegnetes, Geweihtes
  • «waejen»: Wehen des Windes
Laut Spycher spricht alles für die dritte Variante: «Daraus entstand die bildhafte Vorstellung von <Auseinandergelaufenem>, in einem alten schweizerischen Wörterbuch von <missratenem Gebäck>.»

Wähenrezepte sind schon seit dem 15. Jahrhundert überliefert, auch wenn sie noch nicht als solche bezeichnet wurden. Die Ursprünge liegen aber in der ländlichen Hausbäckerei. Früher wurde nichts weggeworfen, so auch nicht die Teigresten am samstäglichen Backtag. Diese wurden aus der Backmulde gescharrt und zu einem Fladen ausgewallt. Den Teigrand drückte man zu einem Wulst zusammen, damit der Guss nicht auslaufen konnte. Belegt wurde der Kuchen mit dem, was gerade vorrätig war: Äpfel, Zwetschgen, Zwiebeln, Speck, Milch oder Rahm (Nydel).

In vielen Schweizer Haushalten kam die Wähe am fleischlosen Freitag auf den Tisch. Heute ist jeder Tag Wähentag. Das «missratene Gebäck» hat sich etabliert und ist aus der Schweizer Küche nicht mehr wegzudenken.


 Der Nydlechueche ist ursprünglich eine Berner Erfindung. Als Nidelwähe hat er sich in der ganzen Schweiz durchgesetzt.
Waie, Chueche, Flade, Tünne

Auch wenn Wähe ein Wort ist, das im ganzen alemannischen Sprachraum bekannt ist, heisst der Blechkuchen nicht überall gleich. Im Bernbiet nennt man ihn Chueche, im Zürcher Weinland und im Kanton Schaffhausen Tünne, in der Region St. Gallen und Appenzell Flade und im Thurgau Tüle. Neben den süssen - meist mit Früchten - gibt es auch salzige Varianten. Viele sind ursprünglich regionale Spezialitäten und oft an bestimmte Bräuche (z.B. Fasnacht, Chilbi, Erntedankfest) geknüpft, auch wenn es sie heute überall und das ganze Jahr über zu kaufen gibt.
  • Nydlechueche
    Der Belag enthält keine Früchte, sondern besteht lediglich aus Rahm (Nydle), Eiern und Zucker. Im Berner Haslital wird der Nydlechueche mit Dörrzwetschgen angereichert.
    Rezept: Nydlechueche (Nidelwähe)
  • Schlorzifladen (Birnenfladen)
    Beim Appenzeller und Toggenburger Schlorzifladen (Birnenfladen) wird der Teigboden mit einem Dörrbirnenmus bestrichen und mit einem Eierguss bedeckt. Diese Spezialität ist auch im belgisch-deutschen Grenzgebiet im Raum Aachen bekannt und wird dort traditionellerweise als Beerdigungskuchen serviert.
  • Zibelewaie, Zibelechueche, Bölletünne
    In Basel sagt man Zibelewaie, in Bern Zibelechueche und im Zürcher Weinland und in Schaffhausen Bölletünne. Gemeint ist dreimal dasselbe: eine Wähe mit einem Belag aus Zwiebeln, Eiern und Rahm. In Schaffhausen kommt zusätzlich noch fein gewürfelter oder geschnittener Speck hinein. In Basel sind Zibelewaie und Mehlsuppe das traditionelle Fasnachtsessen. Der Zibelechueche ist untrennbar mit dem Berner Zibelemärit verbunden.
    Rezept: Schaffhauser Bölletünne (Zwiebelwähe)
Keine Wähe ist dagegen die Basler Fastenwähe. Die mit Kümmel bestreuten Hefeteigbrezeln werden mit einer speziellen Schablone oder einem Abstecheisen ausgestochen und in die typische Form gebracht.


 Mit Fertigteig (z.B. in der Backschale) ist die Wähe schnell gemacht.
Der Wähenteig - die Qual der Wahl

Das Angebot an Fertig-Wähenteigen ist gross. Je nach Rezept oder persönlichem Geschmack kann man zwischen Kuchen-, Blätter-, Mürbe- oder Pizzateig wählen. Alle gibt es auch in ausgewallter Form.

Für die meisten süssen und pikanten Wähen wird Kuchenteig verwendet. Er besteht aus Mehl, Salz, Butter und Wasser. Für Wähen mit saftigen Früchten und einer üppigen Füllung ist Mürbeteig ideal. Wie der Kuchenteig enthält er Mehl und Salz, die doppelte Buttermenge sowie 1 Ei anstelle des Wassers und zusätzlich Zucker. Der Pizzateig eignet sich für pikante Blechkuchen. Er wird aus Mehl, Salz, Hefe, Wasser und Olivenöl zubereitet.


 Der Flammkuchen ist der elsässische Cousin der Wähe und er ist zugleich der «Dünnste».
Italienische Schwester, elsässischer Cousin

Die Schweizer Wähe hat eine italienische Schwester und einen elsässischen Cousin: die Pizza und den Flammkuchen. Der Boden besteht bei beiden aus einem Hefeteig. Für den Pizzateig braucht es Mehl, Salz, Hefe, Wasser und Olivenöl. Im Flammkuchenteig hat es kein Öl, dafür noch etwas Zucker. Zudem wird dieser dünner ausgewallt als der Pizzateig.

Es gibt aber noch weitere regionale Blechkuchenspezialitäten, die eng mit der Wähe verwandt sind:
  • Quiche lorraine
    Die Klassikerin der französischen Küche ist ursprünglich eine lothringische Spezialität. Der Belag besteht aus Eiern, Crème fraîche (oder Vollrahm) und Speckwürfeli. Der Rand ist etwas höher als bei einer Wähe.
    Rezept: Quiche Lorraine
  • Pissaladière
    Die provenzalische Pizza ist reichlich mit Sardellenfilets und schwarzen Oliven belegt. Vor dem Backen wird sie mit Pissalat, einer provenzalischen Gewürzmischung, eingestrichen. Diese besteht aus Sardellenpaste, Nelken, Thymian, Lorbeer, Pfeffer und Olivenöl.
    Rezept: Pissaladière
  • Flamiche, Flamique
    Die Flamiche oder Flamique ist eine süsse oder pikante Wähe aus Belgien bzw. Nordfrankreich. In der flandrischen Stadt Dinant handelt es sich dabei um einen Käsekuchen, der zu Burgunder genossen wird. Eine Confrérie wacht über die Erhaltung dieser und weiterer regionaler Spezialitäten und organisiert jedes Jahr Anfang September ein Volksfest zu Ehren der Flamiche. In der nordfranzösischen Picardie (Hauptstadt: Amiens) kommen Eier, Milch, Rahm, Speckwürfeli und Lauch in den Kuchen, der sich «flamiche aux poireaux» (Lauchkuchen) bzw. im regionalen Dialekt «flamique à porions» nennt.
  • Goyère
    Nordfranzösische Spezialität, vornehmlich aus der Stadt Valenciennes, die aufs Mittelalter zurückgeht. Ursprünglich ein süsser Quarkkuchen, handelt es sich heute um eine pikante Spezialtiät, die mit Maroilles, einem nordfranzösischen Rotschimmelkäse, zubereitet und zu Bier oder Rotwein genossen wird.
Text: Daniela Rinderknecht

Quelle: Albert Spycher, Back es im Öfelin oder in der Tortenpfann (186. Neujahrsblatt der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige in Basel), Verlag Schwabe AG, Basel 2008


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