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Genuss kennt keinen Ruhestand

Kochtrends haben Hochkonjunktur - und richten sich dabei meistens an ein jüngeres Publikum. Dabei sind Genuss und innovative Freude am Kochen an kein Alter gebunden. Wer sein Leben lang gut und gern gekocht und gegessen hat, möchte dieses sinnliche Vergnügen auch bis ins hohe Alter pflegen. Einmal Gourmet - immer Gourmet!

Bild: StockFood/JUICE Images Ltd.

Genussvoller Sinneswandel

Für den chüschtigen Brätchügeli-Topf brauchts nur Brätchügeli, Zwiebeln und Kartoffeln.

Genussvoller Sinneswandel

Man ist so alt wie man sich fühlt: Nie waren Seniorinnen und Senioren so fit und aktiv wie heute! Trotzdem stellt man mit fortschreitendem Alter vielleicht nach und nach Veränderungen an sich selbst fest: Gerüche werden anders wahrgenommen als früher, vertraute Speisen schmecken anders als gewohnt, man benötigt plötzlich mehr Salz, damit einen etwas nicht mehr fade dünkt oder man entwickelt eine Vorliebe für Schokolade, auf die man in jüngeren Jahren gar nicht so erpicht war. Unsere Sinne lassen nach, die Wahrnehmung von Süssem, Salzigem, Saurem und Bitterem wird schwächer. Das ist kein Grund zur Traurigkeit, denn Zutaten lassen sich ja stets individuell anpassen, so, dass die Lieblingsgerichte wieder vertraut köstlich schmecken.

Wer seinen «neuen» Gelüsten gegenüber positiv und neugierig eingestellt ist, wird mit Lust und Genuss weiterkochen, bis ins hohe Alter.

Rezept: Brätchügeli-Topf

Einfach fantasievoll kochen

Wer mag, macht die Fleischvögel selber - fixfertige Fleischvögel gibts aber auch beim Metzger zu kaufen.

Einfach fantasievoll kochen

Als gesunder, fitter Mensch denkt man ungern an eine Zeit möglicher Beeinträchtigungen. Nachlassende Kräfte schränken unseren Alltag ein, je älter wir werden. Man ermüdet schneller und braucht für alles mehr Zeit, auch fürs Kochen. Im Alter ist es deshalb besonders wichtig, dass man seine Ressourcen optimal einsetzt, so bleibt auch die Selbständigkeit lange gewährleistet.

Beim Kochen bewährt sich das «KISS-System»: Keep It Small and Simple - machs so einfach wie möglich. Die Zubereitung mehrgängiger Menüs kann kräfteraubend sein, vielleicht hat man auch die zeitliche Abfolge nicht mehr richtig im Griff. Ein einfaches Gericht ist besser zu bewältigen und kann zudem mit wenigen speziellen Zutaten, Gewürzen und Garnituren effektvoll aufgepeppt werden. Das beflügelt die Fantasie und die Sinne.

Rezept: Fleischvögel

Lebensqualität dank gutem Essen

Rührei ist ein einfaches Gericht mit hohem Eiweissgehalt, das sich variantenreich zubereiten und servieren lässt.

Lebensqualität dank gutem Essen

Wer sich sein ganzes Leben lang ausgewogen ernährt hat, hat gute Voraussetzungen gesund alt zu werden. Trotzdem gilt es besonders in sehr hohem Alter, den Veränderungen seines Körpers Rechnung zu tragen. Allein durch die verminderte Bewegung wird auch die Verdauung zusehends träger, die Stoffwechselfunktionen verlangsamen sich, Hunger und Durst werden weniger intensiv empfunden als in jüngeren Jahren.

Grundsätzlich gelten die bewährten Ernährungs-Empfehlungen (Ernährungspyramide) für alle Menschen. Besonders wichtig ist im Alter eine genügende Zufuhr an Eiweissen (Milchprodukte, Hülsenfrüchte, Tofu, Fleisch, Fisch, Eier). Sie helfen die Muskel- und Knochenmasse zu erhalten. Hochbetagte Menschen müssen auch auf ihr Gewicht achten, allerdings sind sie seltener übergewichtig, sondern neigen eher zu Gewichtsverlust: Untergewicht kann das Risiko für Krankheiten erhöhen.

Rezept: Rührei mit Variationen und Ideen zum Anrichten

Trinken, was man gern hat

Sirupe, Fruchtsäfte und Milchdrinks sind ideale Getränke für ältere Leute: Zwetschgen-Sirup.

Trinken, was man gern hat

Trinken hält nicht nur den Körper, sondern auch den Geist fit! Jetzt ist es wichtig, genügend zu trinken, auch wenn man keinen Durst hat, am besten mindestens 1 bis 1,5 Liter täglich. Es dürfen gerne auch Frucht- oder Gemüsesäfte, Sirup, Milch oder Joghurtdrinks sein, denn sie geben dem Körper wertvolle Kalorien, Vitamine und andere Zusatzstoffe, die er jetzt braucht und die ihm Wasser allein nicht bieten kann.

Die Fruchtsäfte oder Süssgetränke, die man sich früher aus Rücksicht auf die gute Figur verkniffen hat, machen jetzt Sinn. Sie sind der kulinarische Altersbonus, den man sich mit Genuss gönnen darf. Auch Suppen und Smoothies sind Flüssigkeiten, die den Körper und die Sinne lustvoller anregen als blosses Wasser.

Rezept: Zwetschgen-Sirup

Demenz: Vergessen, wie man isst

Vorsicht: Blumen als Tischdekoration werden von Dementen evtl. als Esswaren wahrgenommen.

Demenz: Vergessen, wie man isst

Wir Schweizerinnen und Schweizer werden immer älter - das ist schön, hat aber auch Schattenseiten, denn mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an Alzheimer oder an einer anderen Demenz zu erkranken. Die Hälfte aller Schweizer Demenzkranken (gegen 60000 Personen) lebt zu Hause und wird von Angehörigen betreut und natürlich auch bekocht, nicht selten eine erschöpfende Herausforderung!

Oft begreift man als Tochter nicht, weshalb die demente Mutter nicht mehr essen will, wo man doch den Tisch so schön farbenfroh gedeckt und ihr Lieblingsgemüse Broccoli gekocht hat:

 

  • Demenzkranke vergessen vieles, auch was Lebensmittel sind, wie man mit Besteck umgeht, wie man trinkt, kaut und schluckt; sie können auch Hunger- und Durstgefühle nicht mehr ausdrücken.
  • Süsse und salzige Speisen werden bevorzugt, da bittere und saure Noten kaum mehr oder als ungeniessbar wahrgenommen werden können. Warum das Plätzli nicht süssen? So wird es evtl. eher gegessen.
  • Ein liebevoll gedeckter Tisch kann verwirrend wirken: Servietten mit Früchtemustern oder frische Blumen werden als Lebensmittel wahrgenommen und gegessen: Weniger ist mehr, evtl. einzelne Komponenten eines Menüs nacheinander servieren.
  • Klares Wasser wird nicht als Getränk erkannt, rötlicher Sirup hingegen schon: Rot signalisiert bei Demenzkranken «reif = essbar». Grüne Speisen werden eher gemieden, da sie «unreif» aussehen.
  • Auf Garnituren wie z. B. Schnittlauch verzichten, sie werden als Verunreinigung wahrgenommen.
  • Demenzkranke sind oft unruhig und bleiben nicht am Tisch sitzen. «Ess-Stationen», Schälchen oder Teller mit mundgerechtem Fingerfood, Früchten etc. überall in der Wohnung verteilt, tragen dazu bei, dass der oder die demente Angehörige beim Umhergehen genügend isst.
  • Vormachen, wie man isst: Wenn Demenzkranke jemandem beim Essen zusehen können, machen sie es evtl. nach.
  • Zurechtweisungen sind kontraproduktiv. Demenzkranke essen nicht aus bösem Willen mit den Fingern statt mit Besteck, sie können nicht mehr anders.


Zeit, Geduld und Empathie sind die wichtigsten Voraussetzungen bei der Essensbetreuung von Demenzkranken. Die Pflege von Angehörigen ist aber intensiv und kann überfordern. Institutionen wie Pro Senectute, das Schweizerische Rote Kreuz oder die Schweizerische Alzheimervereinigung bieten Hilfe für Angehörige an (siehe ganz unten).

Ideen: Fingerfood für Demente

Was Kinder mögen, mögen oft auch Demenzbetroffene: Chicken-Nuggets.

Ideen: Fingerfood für Demente

Die meisten festen Speisen können als Fingerfood gegessen werden, auch Fleisch und gekochtes Gemüse. Das Berühren der Speisen, das Riechen daran regt den Appetit an: Esswaren - am besten das vertraute Lieblingsessen - werden in kleine, mundgerechte Bissen geschnitten. Sie werden entweder lauwarm am Tisch serviert, verschiedene Speisen evtl. nacheinander, oder in Schälchen in der ganzen Wohnung als «Ess-Stationen» verteilt:

 

  • Gemüsestängeli und -rädli, evtl. blanchiert oder al dente gekocht; Cherry-Tomaten
  • Brotstückchen, evtl. ohne Rinde
  • Cervelat- und weiche Landjäger-Rädli
  • Käsestücke
  • Bratkartöffelchen, nicht zu dunkel gebraten, oder Kroketten
  • Tempura: Frittierte Gemüsehäppchen im Ausbackteig
  • Frittate, Omeletten (nicht zu dünn) und Kaiserschmarren, mundgerecht zugeschnitten oder zerzupft
  • Geschnetzeltes Fleisch, ohne Sauce
  • Fischstäbchen, Chicken-Nuggets
  • Süsse Früchtestücke


Auf Saucen, Fleisch mit Knochen, sehr trockene und zerbröselnde Happen sowie z.B. auf Kirschen mit Stein oder ganze Nüsse sollte verzichtet werden.

Hilfe und Hilfsmittel

Das Schweizerische Rote Kreuz bietet u.a. Betreuungseinsätze bei Demenz an.

Hilfe und Hilfsmittel

Glücklich, wer bis ins hohe Alter mit Kochen und Essen allein zurechtkommt! Für alle anderen gibt es Hilfsstellen, Tipps und Hilfsmittel für die Bewältigung des Alltags.
 


Text: Gina Graber
26. September 2016