Lars Feldmann im Interview
"Wir sind nicht Bling-Bling" - Er nimmt am Verlegerkongress teil, an E-Commerce-Konferenzen, aber auch an Gesundheitstagungen: Lars Feldmann, Geschäftsführer von Betty Bossi sagt, er hat "den spannendsten Job der Welt".
Ein ganzes Universum versteckt sich hinter der Marke Betty Bossi. Was einst mit Rezepten und Ratschlägen begann, hat sich über die Jahrzehnte zu einem Unternehmen mit ganz unterschiedlichen Geschäftsfeldern entwickelt. An der Spitze steht Lars Feldmann (54). Die Grundlage für diesen Einblick entstand letztes Jahr im Rahmen des Kinofilms über Betty Bossi: Die Schweizer Illustrierte hat Stimmen, Wege und Arbeitsweisen eingefangen. Für diesen Artikel haben wir die Originaltexte bewusst übernommen und für das Online-Magazin behutsam gekürzt und angepasst. Jetzt, im Jubiläumsjahr 2026, rücken wir damit einzelne Persönlichkeiten ins Zentrum.
Betty Bossi ist 70 Jahre alt und kommt immer noch blutjung daher: Gibts hier einen Jungbrunnen?
Lars Feldmann: Das würden wir alle gerne wissen (lacht). Wir versuchen, ganz nah bei den Menschen zu sein, gut zuzuhören, zu wissen, was die Leute bewegt. Das sind heute ganz andere Themen als vor zehn Jahren. Dadurch bleiben wir und bleibt Betty Bossi immer aktuell. Wir stehen mitten im Leben.
Jede Firma will nahe bei den Leuten sein, damit ihre Produkte sich weiterverkaufen. Nur wenigen gelingt das über so lange Zeit. Wie genau sind Sie denn mit den Menschen in Kontakt?
Zuhören! Das geht heute auf vielfältige Weise: digital, indem wir beobachten, was auf TikTok und sonstigen Kanälen los ist. Und wir beobachten, wie unsere Website genutzt wird. Dann suchen wir aber auch aktiv das Gespräch, beispielsweise mit den Abonnentinnen und Abonnenten der Betty Bossi Zeitung. Wir stellen regelmässig Fragen und bitten um Antwort. Vor kurzem haben wir um Bilder von Küchenschränken gefragt: Schränke mit «Gnusch», Schränke mit Ordnung. Wir wollten wissen, wo die Ärgernisse sind. Das hilft uns, bei der Entwicklung neuer Produkte, die einem Bedürfnis entsprechen. Dieses Nachfragen liegt in der DNA der Marke.
Wieso reagiert die Kundschaft überhaupt auf die Nachfragen?
Sie haben eine enge Bindung an die Marke. Und wir, die Menschen, die Betty Bossi ausmachen, treten in Kontakt mit unseren Kundinnen und Kunden. Wir machen nicht Bling-Bling und shiny – wir sind pragmatisch, nahbar, direkt, herzlich und alltagstauglich in allem, was wir tun. Wir gaukeln nicht ein Leben in einer Luxusloft mit Designermöbeln vor, sondern zeigen den Alltag einer ganz normalen Familie in einer ganz normalen Wohnung.
Sie sind Historiker und Marketingfachmann. Wieso das Interesse an Betty Bossi?
Ich hatte ein Beratungsunternehmen im Bereich Marketing und war an einer Handelsgesellschaft für Nahrungsmittel beteiligt. Ich wollte immer vielfältig tätig sein. Genau das kann ich bei Betty Bossi. Wir sind ein Medienunternehmen, eine E-Commerce-Firma und ein kulinarisches Beratungsunternehmen. Das ist absolut faszinierend und ich schätze mich glücklich, hier zu sein.
Das Erbe, also die Erfolgsgeschichte, kann auch belastend sein. Man will ja nicht der sein, der alles in den Sand setzt. Spüren Sie dieses Gewicht?
Nein. Ich fühle mich vielmehr getragen von all denen, die diese Marke gernhaben. Die Menschen sowohl bei uns als auch bei der Kundschaft, die all die Veränderungen mitgemacht haben. Sie sind es, die die Marke ausmachen. Uns wurde auch schon das Ende vorausgesagt: Als Coop 2002 Convenience-Produkte unter unserer Marke lancierte, hiess es in den Medien, das sei der Tod von Betty Bossi! Es sei ein Verrat an all denen, die noch selber kochten. Damals waren Convenience-Produkte noch nicht so verbreitet wie heute. Aber, wie die Geschichte zeigt, hat uns das nicht geschadet, sondern uns bereichert. Betty Bossi war eben schon damals der Zeit voraus, heute gehören Convenience-Produkte zum Alltag von uns allen.
Werden die Rezepturen eigentlich hier gemacht?
Ja, in unseren Küchen in Basel und Zürich. Wir definieren beispielsweise das Rezept für einen Taboulé-Salat und erstellen Prototypen. Produzenten erstellen nach diesen Vorgaben Muster, die wir gemeinsam mit unseren Partnern von Coop degustieren und sie optimieren, bis wir mit der kulinarischen Qualität zufrieden sind. Wie das funktioniert, findest du im Artikel: Die magische Küche von Betty Bossi
Gibt es Betty Bossi in 70 Jahren noch?
Essen, Ernähren, Kochen – all das gibt es auch in 70 Jahren noch. Wie viel dannzumal noch selber gekocht wird? Ich weiss es nicht. Aber sicher weiss ich, dass die Leute auch dann täglich zwischen 2000 und 2500 Kalorien aufnehmen müssen. Und die wird man voraussichtlich auch dann noch auf drei, vier Mahlzeiten pro Tag verteilen. Damit bleibt unsere Mission, den Menschen den einfachsten Weg zum Genuss zu eröffnen, aktuell. Unser Ziel ist, dass die Kalorienaufnahme auf einfache Weise ein Genuss bleibt. Vor kurzem hörte ich beim Gemüseregal, wie ein junger Mann einen anderen fragte: "Hey, wie weiss ich, wann eine Avocado reif ist?". Auf genau solche Fragen müssen wir Antworten geben.
Sind Sie mehr der Typ "Versuch und Irrtum" oder der, der alles hundertmal durchrechnet und absichert?
Bei unseren Rezepten ist klar: Die müssen funktionieren, die Gelinggarantie ist nicht verhandelbar. Bei anderen Dingen dürfen wir mehr pröbeln. Bei Geschmacks-Kombinationen haben wir beispielsweise eine neue Experimentierlust gewonnen. Oder 2017 haben wir einen Versuch mit "Betty bringt’s" gemacht, dem Heimleiferdienst mit Zutaten für ein Menü, bestellbar bis zu drei Stunden vor Lieferung. Wir boten sogar ganze Menüs an, stellten aber fest: Die Nachfrage war nicht da.
«Kochen ist eine Kulturfähigkeit. Wir müssen aufpassen, sie nicht zu verlieren.» Fabienne Bühler
Welches sind die grössten Trends der nächsten Jahre?
Ernährung und Gesundheit sind und bleiben wichtig, auch wegen der demografischen Entwicklung: Wir wollen uns möglichst lange gesund erhalten. Dazu gehört auch die Darmgesundheit, da wir tendenziell zu wenig Nahrungsfasern essen. Ebenfalls im Fokus steht Protein, das wichtig für die Muskeln ist – im Sport, aber eben auch im Alter. Da stehen wir dann vor der Frage, wie viel Fleisch wir essen wollen oder sollen. Nicht vergessen dürfen wir Nachhaltigkeit, Klimaerwärmung, Kampf gegen Foodwaste und unnötige Verpackungen. Diese Themen gehen nicht mehr weg.
Also wollen Sie auch erziehen?
Nein, keineswegs. Wir wollen informieren, damit die Menschen Wahlfreiheit haben. In 30 Jahren werden in der Schweiz andere Früchte und Gemüse wachsen, vielleicht wird es Verknappungen geben. Das muss uns beschäftigen.